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Ergebnisse der Ausgrabungen 2012

Zwangsarbeiterlager der Lufthansa

Im Bereich, wo sich heute ein Basketball-Feld befindet, wurden drei Arten von Spuren freigelegt: Gräber, Teile einer Baracke und eines Splitterschutzgrabens.
Aufgrund dunkler Erde erkennbare Grabgruben des Columbia-Friedhofs
Aufgrund dunkler Erde erkennbare Grabgruben des Columbia-Friedhofs
Die älteste Komponente sind Reste von Gräbern des früheren Garnisonfriedhofs, welche im Jahre 1937 aus Anlass des Flughafen-Neubaus und der Umgestaltung des gesamten Flugfeldes in ein riesiges, Amphitheater-ähnliches Oval verlegt wurden. Bei den Gräbern handelt es sich sowohl um Familien-Begräbnisse von Militär-Angehörigen als auch um Gefallenen-Gräber. Sargreste geben die unterschiedlichen Bestattungsbedingungen wieder: kunstvolle Jugendstil-Sarggriffe zeigen den Wohlstand mancher Offiziersfamilien an, während an anderen Stellen einfache Holz-Zinksärge in dichten Reihen angetroffen wurden, die aus dem 1. Weltkrieg stammen. Backsteinfundamente für Grabsteinsetzungen ergänzen dieses Bild.
Aufgrund dunkler Erde erkennbare Grabgruben des Columbia-Friedhofs
Reste eines Zinksargs









Direkt auf diese Grubenreste hatte man die Baracken des Lufthansa-Zwangsarbeiterlagers gesetzt. Von der nördlichsten Baracke der insgesamt drei im Jahre 1942-43 erstellten Bauten waren die Streifenfundamente noch erhalten, von denen wir das westliche Ende freilegen konnten.

Streifenfundament einer Zwangsarbeiterbaracke aus dem Lager der Lufthansa
Streifenfundament einer Zwangsarbeiterbaracke aus dem Lager der Lufthansa
Die Fundamente der 12,50 x 52,50 m messenden Baracke bestanden aus zwei Lagen Beton. Für die untere hatte man mit Spaten die entsprechende Breite ausgeschachtet und dann mit Beton gefüllt. Die obere Lage bestand aus einem sehr schlechten, mit Bauschutt aus zerschlagenen Betonteilen und Steinen angereichertem Beton, der nach Freilegung im sommerlichen Regen sehr schnell zu zergehen anfing.
Nach Dokumenten des Bauamtes des Generalbauinspektors für Berlin („Amt Speer“) waren jedoch Baumaterialien entsprechend dem Antrag zur Verfügung gestellt worden, die offensichtlich zum Teil „abgezweigt“ worden sein müssen. Der Fußoden der Baracke war leider nicht mehr erhalten, jedoch fanden sich im Erdreich weitere Hinweise auf die ursprüngliche Anlage. Der Oberbau bestand, wie bei solchen Baracken üblich, aus Holzwänden und möglicherweise einer aufgenagelten Teerpappe. Die Wände selbst waren nach Ausweis einer Vielzahl aufgefundener Kantnägel, die bei 7cm Länge mit dem Hammer umgebogen sind, nicht mehr als 7 cm dick. Von außen her liefen eine Warm- und Kaltwasser-Leitung sowei ein Stromkabel an das Gebäude heran, wobei das Stromkabel in der Mitte der Barackenschmalseite nach oben zeigt, woraus man wohl auf eine helle Lampe an der Aussenseite zu Bewachungszwecken schliessen kann, ebenso wie auf elektrisches Licht in dem Bau.

Das von uns ergrabene Barackenende war der Sanitärbereich, der insgesamt sieben Fallrohre von Toiletten enthielt.
Streifenfundament einer Zwangsarbeiterbaracke aus dem Lager der Lufthansa
Sanitär-Bereich einer Baracke, Lufthansa-Zwangsarbeiterlager

Die Dichte dieser Hygiene-Anlagen spiegelt die Angst der deutschen Behörden vor ansteckenden Krankheiten wie Tuberkulose und Typhus unter den ZwangsarbeiterInnen wider. Die schlechte Versorgung der ZwangsarbeiterInnen war selbst der Hauptgrund für solche Zustände. Warmes Wasser - durch Leitungsfunde belegt - war kein Luxus für die ZwangsarbeiterInnen, denn diese kamen tagsüber mit Schmieröl und Fetten, Chemikalien und Kerosin in Berührung.
Direkt westlich der Baracke und von ihr aus frei zugänglich war der Eingang zu einem nach Süden im Zickzack verlaufenden Splitterschutzgraben, dessen Wände aus Fertigbetonteilen erbaut worden waren. Dieser Graben war an einer Stelle durch einen Bombenabwurf oder Granateneinschlag zerstört worden.

Zerbombter Splitterschutzgraben im Bereich der Lufthansa-Zwangsarbeiterlager
Zerbombter Splitterschutzgraben im Bereich der Lufthansa-Zwangsarbeiterlager
Die stark verdrückte Situation weiterer Bauteile deutet darauf hin, dass Planierarbeiten der U.S. Besatzungsarmee die noch stehenden Elemente nach dem Krieg weiter zerstörten. Diese Planierarbeiten dürften auch den Betonboden der Baracke abgetragen haben, der nach Ausweis von Luftfotos aus den frühen Monaten des Jahres 1945 nach Abbau der Baracken noch vorhanden gewesen war.

In der Südhälfte des Zwangsarbeiterlagers der Lufthansa fanden wir neben Gebäuderesten eine Grube und einen Feuerlöschteich. Die Füllung der Abfallgrube bestand aus zwei übereinanderliegenden Schichten. Die untere enthielt Gegenstände aus der Nazi-Zeit, vor allem Geschirr, während die obere in die Zeit der U.S. Besatzung zu datieren ist, da sie eine Vielzahl an Objekten mit englischer Aufschrift enthält, ebenso wie eindeutig dem U.S.-Militär Zugehöriges.
Geschichtete Abfallgrube mit (a) unten Objekten aus der Nazi-Zeit, und (b) oben Material aus der frühen U.S. Besatzungszeit
Geschichtete Abfallgrube mit (a) unten Objekten aus der Nazi-Zeit, und (b) oben Material aus der frühen U.S. Besatzungszeit

Der Feuerlöschteich war im Krieg als großes Reservoir für den Fall von Bränden bei Bombentreffern angelegt worden. In der Nachkriegszeit wurde er offensichtlich ebenfalls als Müllgrube benutzt und enthielt sehr viel Metall, Glas, Plastik, Porzellan und Objekte aus anderen Materialien. Dieser Bereich konnte aufgrund der Funddichte nur bis zu einer Tiefe von 1,80 m von wahrscheinlich insgesamt ca. 4 m Tiefe ausgehoben werden. Die Funde stammen sowohl aus der U.S. Besatzungszeit als auch aus der Nazi-Zeit. Man hatte hier also in Nachkriegszeiten Material recht unterschiedlichen Alters weggeworfen.
Östlich des Feuerlöschteichs fanden wir die Reste eines aus Ziegeln gemauerten Küchenbaus, der unterkellert war. Die Ziegelmauern dieses Bereichs waren säuberlich abgetragen worden bis zu einem bestimmten Niveau. Darunter befand sich eine dicke, eingestürzte Betondecke, die andeutet, dass das Gebäude für den Luftschutz ausgelegt worden war. Vermutlich wurde dieses ursprünglich dem Zwangsarbeiterlager zugehörige Küchen- und Kantinen-Gebäude aufgrund seiner Nähe zu Flugzeughangars für deutsche Angestellte der Lufthansa umgestaltet.

Flughafenhauptgebäude, Bereich der westlichen Hangars und „BERLIN“ Schriftzug


Die Grabungen im Bereich des Alten Flughafens aus den 1920er Jahren ergaben, dass die Ziegelmauern der Unterkellerung sorgfältig bis auf ein bestimmtes Niveau herunter worden waren. Der Kellerboden war allerdings noch erhalten, sowie an einer Stelle ein tiefer liegender Heizungskeller. In der Verfüllung des früheren Gebäudes entdeckten wir Geschirr-Reste des Flughafenrestaurants mit „Mitropa“-Aufdruck,
„Mitropa“-Besteck aus dem Bereich des Alten Flughafens
„Mitropa“-Besteck aus dem Bereich des Alten Flughafens
aber auch Flugzeugteile aus der Nazi-Zeit, so etwa Motorenzylinder, Elemente eines Fahrgestänges und einen Drehzahlmesser.
Drehzahlmesser der Deutschen Tachometer-Werke (Deuta)
Drehzahlmesser der Deutschen Tachometer-Werke (Deuta)

Ein weiterer Bereich der Grabungen konzentrierte sich auf zwei von der Weser-Flug GmbH genutzte Hangars, die sich westlich an das Flughafenhauptgebäude anschlossen. Boden-Betonreste mit einer Metallschiene gehören zu einem komplex gestalteten Falttor eines Hangars.
Südlich des Hauptgebäudes konnte der Buchstabe „R“ des „BERLIN“-Schriftzuges unter der Grasnarbe entdeckt werden. Zumindest das „R“ ist direkt unter der Oberfläche in seinen Umrissen als betonierter Rand noch vorhanden.

Buchstabe „R“ aus dem „BERLIN“ Schriftzug auf dem Flugfeld
Buchstabe „R“ aus dem „BERLIN“ Schriftzug auf dem Flugfeld
Die Innenfüllung mit auf der Oberseite weiß angestrichenen Pflastersteinen war jedoch im 2. Weltkrieg entfernt worden, um die Orientierung der Allierten-Flugzeuge zu erschweren.





Funde des Jahres 2012 und deren Interpretation

Die im Laufe des Jahres 2012 gemachten Funde stammen aus fünf voneinander grob trennbaren Epochen:
Die frühe Moderne, vertreten durch Kaolin-Pfeifenreste und Keramiken; diese Funde sind in Zusammenhang mit früher Feldbestellung in Tempelhof zu sehen. Ihre genauere Datierung muss noch eruiert werden, ebenso wie eventuelle historische Bindungen an umliegende Gemeinden.
Aus dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jhs. stammt eine substanzielle Menge an Sargresten, wobei die Materialien Holz, Zink und Eisen - letzteres für Griffe, Schrauben etc. - zum Einsatz kamen. Diese Objekte sind dem 1937 abgeräumten Bereich des Garnison-Friedhofs zuzurechnen.
Aus den 1920er bis frühen 1930er Jahren stammen Eßgeschirr, Aschenbecher und andere in der Bewirtung verwendete Objekte, sowie Türgriffe und ähnliches, die mit Tempelhof als großem Zivilflughafen in Verbindung zu bringen sind.
Aschenbecher (?) aus den 1920er Jahren
Aschenbecher aus den 1920er Jahren

Die Zeit der Zwangsarbeiterlager in Tempelhof ist repräsentiert durch einzelne Objekte wie emaillierte Schüsseln.
Emaille-Schüssel aus dem Bereich der Zwangsarbeiterlager
Emaille-Schüssel aus dem Bereich der Zwangsarbeiterlager
Nicht verwunderlich ist, dass gerade der Fundbestand für diese Personengruppe gering ist, denn sie hatten keinerlei finanzielle Ressourcen oder auch nur den Platz, sich mehr als die notwendigsten Grundgüter des täglichen Lebens zu beschaffen.
Kleines Armband aus blauen Glasperlen
Kleines Armband aus blauen Glasperlen
Neben den die Lebensumstände betreffenden Einzelfunden gibt es aus dem Bereich des Alten Flughafens eine stattliche Zahl an Objekten militärischer und wahrscheinlich einiger ziviler Flugzeuge, die selbst als Hinweis auf die Ausbeutung der ZwangsarbeiterInnen durch die Nationalsozialisten zu werten sind.
Schließlich stammt eine erhebliche Anzahl an Funden aus der Nachkriegszeit. Wiederum sind Flugzeugteile zu nennen, besonders auffällig sind jedoch Hygieneartikel (Haargel-Flaschen, Zahnpasta-Tuben usw.)
Flaschen amerikanischer Provenienz aus einem Feuerlöschteich
Flaschen amerikanischer Provenienz aus einem Feuerlöschteich)
sowie kleine Reste von Zeitungspapier und Identitätsmarken von Soldaten.

Die Interpretation dieser Funde ist angelaufen, wird aber noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Die archäologische Auswertung erfolgt in drei Schritten.
(1) Eine Standard-Dokumentation aller Funde ist bereits abgeschlossen, wobei jeweils Material, Größe, Erhaltungszustand und Gewicht solcher Funde vermerkt werden.
(2) Die Funde werden dann nach Kategorien gruppiert (Glas, unterschiedliche Arten von Keramiken usw.) und in größerem Detail analysiert.
(3) Diese Funde werden dann nochmals danach untersucht, ob sie an bestimmten Orten besonders häufig auftreten („Kontext-Analyse“).